You have been documented

Kategorie: :: hgw am Sonntag, 25. September 2005, 19:30

Ein Artikel von Nicholas Rombes über die neue "Ästhetisierung von Macht" durch Filme wie Matrix, Minority Report, Spy Kids erinnert mit seiner These "The Surveillance Culture as Entertainment" an den visionären Schluß in Walter Benjamin's Kunstwerk-Aufsatz.

Nicholas Rombes (University of Detroit Mercy) schreibt auf der Website Film and Fiction - Your Life Is A Movie:

Movies like The Matrix and Minority Report (and even Spy Kids) aestheticize power even as their plots declaim against it; they prepare us for the coming Surveillance Culture by making it look beautiful and dangerous in an exotic way.

Es stimmt wohl mit dem aktullen Lebensgefühl und der Nachrichtenlage überein, dass eine Überwachungs-Kultur bevorsteht oder schon Realität ist - wer würde das in der Tendenz bezweifeln, in einzelnen Ländern natürlich unterschiedlich ausgeprägt. Und es scheint gar nicht so falsch beobachtet, dass die Ästhetisierung des "Big Brother" etwa in Matrix (wie schon im Ansatz in dem Anti-Überwachungs-Film "Staatsfeind Nr. 1) dessen Methoden und Mittel faszinierender erscheinen lassen mag, als es angebracht ist.

Wenn Filme heute also die Ästhetisierung der Macht betreiben, kommen die letzten Sätze im Kunstwerk-Aufsatz Walter Benjamins (Wikipedia: Walter Benjamin) ins Gedächtnis, seine Warnung:

"Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie Ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß erleben läßt. So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschimus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst (Kursiv im Original)".

Wenn man über die gewaltigen Begriffe "Kommunismus" und "Faschismus" einmal hinwegliest - sehen wir in diesen Filmen tatsächlich uns "Bürger" als Schauobjekte unserer selbst, als Helden in einem Drama aus unserer eigenen Feder. Ja - wir werden überwacht. Aber auch: ja, wir wissen darum. Und ja - wir können uns befreien, wenn wir wollen und den Mut haben ("die rote Kapsel statt die blaue"). In "Matrix" (Matrix bei Wikipedia) wird es des Helden Neo's Aufgabe, die Menschen aus dem bösen Traum erwachen zu lassen.

Der Film (speziell "Matrix") scheint beides zu tun und damit den von Benjamin aufgestelten Gegensatz zu unterlaufen: Er ästhetisiert Macht (und damit auch Politik - große Politik erscheint immer faszinierend, vor allem im Film) - und er politisiert die Kunst - indem er dem Filmhelden und dem Zuschauer eine Möglichkeit an die Hand gibt, die "wahren" Verhältnisse zu erkennen - und die Realität nicht mehr naiv mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Wie man den Film auch auslegt - als Kampf zwischen "echter Wirklichkeit" und "erzeugten" Scheinwelten, oder als Kampf des Körpers gegen den Geist mit und gegen die Mittel des Bewußtseins - zentraler Begriff dafür wäre das Ringen um Identität auf unsicherem Terrain.

Und damit erscheinen diese Geschichten wiederum uralt.

Gibt es eine neue Art von Realität, wie Nicholas Rombes behauptet:

"'Real life' is merely a staging point for deeper and deeper penetrations into the fake world that has become, in fact, our real one. The sweeping victory of cinematic vision -- from pop culture to education to politics -- is only the latest and most dangerous stage of our evolution out of the old reality and into the new."

Es gibt eigentlich keine neue Realität, sie war schon immer 'fake world' - siehe Plato. Es gab schon immer zwei Perspektiven - mindestens. Nur wird die Möglichkeit zunehmend bewußter, plötzlich in einer anderen Realität erwachen zu können. Das ist vielleicht ein Fortschritt, den die Politisierung der Kunst, um mit der Vision Walter Benjamins zu formulieren, erreicht hat: Dass mehr Menschen sich heute eher gewahr sind als jemals zuvor, dass die eigene Realität ein Konstrukt der eigenen Einbildung genauso wie äußerer 'Realismen' ist und damit sehr dünnes Eis. Wenn die Selbst-(Er)findung heute bewußter abläuft, könnten wir ein Stück weniger Gefahr laufen, der Selbst-Entfremdung Raum zu geben.

Allerdings droht die Selbst-Entfremdung heute noch stärker von außen zu kommen. Wenn Sie als Mensch mit Rucksack in London eine Polizeiwaffe auf sich gerichtet sehen - wie sehr vertrauen Sie in diesem Moment auf Technik und korrekte Pesonendaten?

Eine neue Runde im Kampf um die Identität. Der Gegner ist nicht wirklich exotisch und faszinierend, eher technisch und banal, er heiligt Wahrscheinlichkeitsrechnung, Datenkompimierung und Statistik. Er ist kein Medium - er ist Botschaft. Eine falsche.

Und auf dieser Ebene stimmt der Schlußsatz bei Nicholas Rombes dann wieder:

"Don't think you are spared. For your life, too, is a movie, a soundtrack for someone. You have been documented. Whose home movies are you in? Who watches you in your car at the intersection? Who has recorded your voice, saved your e-mails, archived your purchases? For someone, you are a prediction waiting to happen. You have been prepared for this all your life, watching movies in the dark, spying. The Orwellian future you learned to dismiss is here, and now you are waiting --eagerly perhaps -- to see the fangs."