TDAT - The Day After Tomorrow -
Kategorie: :: hgw am Sonntag, 30. Mai 2004, 17:01
"Für diesen Film wurde das Medium erfunden" - sagte neben mir im Kino eine junge Frau ihrem Begleiter während der Schlußtitel von "The Day After Tomorrow". "Wissenschaftlich reiner Nonsense, einfach der nächste Anti-Bush-Film" - so zwei Reihen weiter oben ein Mann, Lehrer des örtlichen Gymnasiums. Lascaux heute, Höhlenmalerei im Kino: Prophezeiung und Rettung, vom Sehen zum Handeln.
Die Menschen fühlen sich bestätigt, angegriffen oder wehren reflexartig ab. Es wird diskutiert. Auch im Internet, gerade in den USA. Links werden angeführt, wie unsinnig die wissenschaftlichen Voraussetzungen sind und was 'wahre' Klimatologen sagen Eine Menge heißer Luft (USA Today). Gegenteilige Links: Dass das Pentagon seit Monaten Reports verschweige Artikel im Observer, die auf Grund des Klimawandels in den nächsten 50 Jahren Völkerwanderungen, Atomkriege und die Rückkehr kriegerischer Zeiten vorhersagen. Was das Kyoto-Protokoll ändern kann oder nicht. Ob John Kerry das richtige im Wahlprogramm hat oder doch eher Bush das Problem lösen könnte - wenn es eines gäbe. Man lese die Konversation zu HARRY KNOWLES Review von TDAT auf dessen Website AIN'T IT COOL. Ohne Gegenargumente, ohne Fiktionalität des Films und ohne mögliche Unwahrheit oder Unschärfe, wäre der Film wohl auch nicht zu ertragen.
Was also tut TDAT? Er versammelt eine Menge von Leuten, auch solche, die sonst nicht ins Kino gehen (Lehrer??) oder im Internet posten. Er konstruiert eine Katastrophe als Virtuelle Realität, die er umso intensiver flechten kann - je mehr Meinungen und Gefühle es zum Thema Klimagefahren in uns gibt. Er holt Ängste an die Oberfläche. Er bietet Haltungen zur Identifikation, und als Reflex auf das tatsächliche Eintreten des "Ernstfalls" sogar - Rettung. Erst damit wohl wird diese "Virtuelle Realität" zu einer erfahrbaren Wirklichkeit, erst dies ist der Kunstgriff, der den Film auf uns wirken läßt. Nehmen wir an, Dennis Quaid würde nicht über das Eis aufbrechen, um seinen Sohn zu bergen, bliebe uns dann ein Ausweg, die Katastrophe zu ertragen? Könnten wir als Zuschauer - für Momente gebannt und schockiert - die Realität dieser möglichen Zukunft akzeptieren, wenn nicht eine Identifikation mit irgendeiner Art von Handlung - von Rettung - möglich wäre?
Jeder verteidigt das, was ihm am Herzen liegt. Der Vater Quaid den Sohn, die Mutter den krebskranken Patienten, der schwarze College Boy die Gutenberg-Bibel, und der Obdachlose seinen Hund. Es gibt einen Reflex zum Handeln, der aus uns selbst kommt. Und der zunächst vor allem dem Nächsten - nähesten rettbaren - Wesen gilt. Und damit: auch sich selbst. Nicht Erlösung von außen, sondern Rettung auch durch Handeln.
Auch dieser Film legt es nahe: Es mag im Kino sein wie in den Höhlen der Steinzeit. Die Gefahr als Prophezeiung an der Höhlenwand - oder auf der Leinwand. Mit Flackerlicht projiziert durch das Auge - auf das innere Panorama der Seelen. Das Individuum verängstigt durch den Angriff des Bärs - oder den Einbruch der Eiszeit. Verunsichert durch ein mögliches individuelles Versagen bei der Jagd - oder ein ökologisch mögliches Sterben.
Dazu gehört, in der Höhle wie im Kino: die Rettung. Als Mutprobe, als Meditation, als Initiation, als Weg durchs Unbekannte. Die Rettungsperspektive wird benötigt, um die Rolle des Beobachters überhaupt einnehmen zu können - einer Rolle, die die Chance eröffnet, das eigene Tun mit Voraussetzungen und möglichen Kausalketten von außen zu sehen. Die Androhung des Höllenfeuers erhebt den Menschen zum Beobachter seiner Handlungen - er kann sich der Wirkung seines Tuns bewußt werden, vielleicht bevor er eine Sünde begeht. Erst als Beobachter kann der Mensch handeln und sich verhalten anstatt - wie die Tiere - zu reagieren. Er kann und muß handeln, um Familie, Sippe, Clan zu erhalten - seine Identität eben. Oder nennen Sie es Ganzheit, Seele, Gott, Kultur. Und wenn nicht physisch angesichts einer großen Katastrophe, so doch als Botschaft.
Wir werden sehen, wie weit und wie breit dieser Film wirkt - auf das 'Verhalten'. Ob wir - jenseits der Frage, wie haltbar wissenschaftlich seine Elemente sind - uns überhaupt vorstellen können, uns gegen eine solche Bedrohung auch zu verhalten und handeln zu können. Beobachten und Vorstellen als erste Voraussetzungen für das Handeln.
Es ist ein Effekt des Films von Roland Emmerich, diese Fragen mit der unglaublich realen Wirkung der Bilder und der filmisch-szenisch erreichten Identifikation gestellt zu haben. Offensichtlicher als jede virtuelle Realität zuvor - ob als Höhlenmalerei, Höllenbeschwörung oder als Katastrophenfilm - macht uns dieser Film zum Beobachter. Er macht, um einen Begriff Gregory Batesons zu gebrauchen, komplexe Kybernetik - nämlich metereologische und thermodynamische Prozesse - visuell sichtbar und zeigt auch die Kybernetik (das 'Verhalten') der menschlichen Existenz in Ihrer Interaktion mit dem Planeten als Teil des Systems. Und gerade Bilder bestimmen - manipulieren - stark unser Handeln.
Hierzu noch ein Zitat:
"Weil Menschen sich nicht nicht verhalten können, weil Verhalten aber im Modus irgendwelcher Bilder erfolgt, sind diese allgegenwärtig und unvermeidlich. Sie sind so allgegenwärtig und unvermeidlich, dass der Mensch über Bilder definiert wird und im Umgang mit Bildern seine Definition erfährt." (Stefan Rieger, Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualität. Suhrkamp (stw 1680) 2003)
